16.02.2022

Vor 60 Jahren: Die Sturmflut 1962 in Bremen

Ein Blick zurück in die THW-Chronik

THW-Einsatzkräfte bei der Bergung eines Bootes an der Nordseeküste.

Bremen. Vor 60 Jahren, am 16. und 17. Februar 1962, tobte eine verheerende Sturmflut an der deutschen Nordseeküste. Dabei kamen 315 Menschen in Hamburg ums Leben, sieben Menschen waren es in Bremen. Das Technische Hilfswerk (THW) in Bremen schaut zurück mit einem Auszug aus der im Jahr 2012 veröffentlichten Chronik – Buchtitel: „Einsatz! Von Bremen bis Somalia. Das THW in Bremen“:

„Die Nacht, in der das Wasser kam

Die Sturmflut im Februar 1962 in Bremen und Bremerhaven

Orkan! Und was für einer. So kräftig, dass Radio Bremen in den Morgenstunden des 16. Februars 1962 das Hörfunkprogramm für eine Durchsage der Polizei unterbrach: „Orkanartige Sturmböen haben im gesamten Bremer Stadtgebiet, besonders jedoch im Stadtteil Vahr, Schäden an Dächern und Bäumen angerichtet. Ihr Ausmaß geht noch über die Sturmschäden vom Montag dieser Woche hinaus. Leider sind diesmal auch Verletzte zu beklagen. Da auch bei abflauendem Sturm überall noch Gefahren durch lose Dachsparren oder herunterhängende Dachziegel lauern, wird die Bevölkerung gebeten, vorerst möglichst die Strassen zu meiden. Polizei und Feuerwehr in Bremen haben alle im Dienst befindlichen Kräfte zum Einsatz gebracht. Da auch diese Kräfte nicht ausreichen, wird die zur Zeit dienstfreie 2. Wachabteilung der Bremer Berufsfeuerwehr aufgefordert, sich unverzüglich zum Dienst zu melden. Auch alle abkömmlichen Helfer des Technischen Hilfswerkes werden gebeten zur Einsatzstelle Bremen Niedersachsendamm 53 zu kommen.“ 

Schon zu Beginn der Woche hatte es in der Hansestadt ordentlich gestürmt. Aber an diesem Freitag kam es noch viel schlimmer. Das Islandtief mit Namen „Vincinette“ fegte über Norddeutschland und drückte im  Laufe der Nacht das Wasser der aufgepeitschten Nordsee gegen die Küstendeiche und über Weser und Elbe bis nach Bremen und Hamburg. Deiche brachen, Hunderte Menschen kamen ums Leben. Horst Werner erinnert sich. „Am Mittag klingelte das Telefon auf der Arbeit.“ Werner war damals ehrenamtlich im Technischen Hilfswerk (THW) aktiv. Und das setzte zusätzlich zur schon erfolgten Radiomeldung seine  Alarmierungskette in Gang. „Ich bekam den Auftrag, die Jungs aus meiner Einsatzgruppe zu alarmieren. Das lief natürlich nicht so schnell und modern wie heute, sondern über Telefon mit Wählscheibe. Also Besetztzeichen und zehnmal dieselbe Nummer wählen gehörten dazu.“

Nach erfolgreicher Alarmierung rückte die Truppe dann aus und machte sich an die Arbeit. Auftrag: Sturmschäden  beseitigen. Dazu gehörten Bäume, die kurz vorm Umkippen waren und vom Wind losgerissene Dächer. Horst Werner: „Als wir die Sturmeinsätze gerade erledigt hatten und wir mit unserer Mannschaft wieder eingerückt waren, kam das Wasser.“ Sturmflut! Und die kam mit Macht, trat über die Deiche und überflutete zum Beispiel die Parzellengebiete in Warturm. Das Problem: in den Gartenlauben wohnten Menschen. Die hatten dort in den so genannten „Kaisenhäusern“ eine neue Bleibe gefunden. Der Name geht auf den legendären und in der Bevölkerung verehrten Bremer Nachkriegsbürgermeister Wilhelm Kaisen zurück. Unter dem Druck der durch die Kriegszerstörungen verursachten Wohnungsnot gab Kaisen den Bewohnern der Kleingartenanlagen die Erlaubnis, dort wohnen bleiben zu dürfen. Aus Gartenlauben wurden im Laufe der Zeit notdürftig winterfest gemachte Häuschen und aus denen dauerhafte Bleiben. Und die gingen in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 förmlich unter. 50 Quadratkilometer des Landes Bremen standen unter Wasser, die Laubenkolonien in den Flussniederungen waren besonders schlimm betroffen. Die kalten Fluten der Weser kamen schnell, sehr schnell, für manche zu schnell. Da blieb oftmals nur noch die Flucht auf das rettende Hausdach. „Aus allen Richtungen kamen Hilferufe aus dem Dunkel der Nacht. Ganze Familien saßen in der bitteren Februarkälte auf den Dächern und das Wasser stand bis zu den Dachkanten“, erinnert sich Werner. Und weiter. „Mit unseren Schlauchbooten haben wir die Menschen von den Dächern geholt und sie dann in eine Notunterkunft in die Schule an der Rechtenflether Straße gefahren.“ Im THW-Einsatztagebuch heißt es dazu ganz sachlich: „4.10 Uhr. Horst Werner meldet: 11 Menschen geborgen, Auf den Ruthen.“ 

Auch an den Deichen der Wümme nagte die Sturmflut. Mit Blaulicht und Martinshorn machte sich das THW auf den Weg zum Einsatzort Wasserhorst im Bremer Blockland. Auftrag: "Sandsäcke legen, Deich retten! Alle helfenden Hände waren in dieser Nacht im Einsatz: Polizei und THW, Freiwillige Feuerwehr, Berufsfeuerwehr und Sanitätsdienste, die Bundeswehr, Schulhausmeister und viele mehr. Trotz aller Hilfe: Sieben Menschenleben forderte die Sturmflut in Bremen, 315 waren es in Hamburg.“ […] 

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Text: Peter Lohmann
Foto: THW


  • THW-Einsatzkräfte bei der Bergung eines Bootes an der Nordseeküste.

  • Foto: THW

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